ANKA SCHMID

Techqua Ikachi, Land – Mein Leben

Dokumentarfilm  1989, 16mm, DVD, Beta SP, 89 / 102 / 110 Min.

Image: Techqua Ikachi, La Terre - ma Vie Image: Techqua Ikachi, La Terre - ma Vie 

Techqua Ikachi, Land – Mein Leben ist ein Gemeinschaftswerk Anka Schmids mit dem 74-jährigen Hopi-Indianer James Danaqyumptewa und der Schweizer Künstlerin Agnes Barmettler. Der Film entstand auf Anregung von James Danaqyumptewa, dem es ein Anliegen war, die Geschichte seines Volkes für die Nachkommen auf Celluloid zu bannen. Entstanden ist so ein in seiner Art einmaliges, ethnographisches Dokument, das Film, Fotografie und Malerei mischend, die Stammesgeschichte der Hopi aus deren eigenen Sicht- und Denkweise erzählt.


RegieAnka Schmid, Agnes Barmettler und James Danaqyumptewa
DrehbuchAnka Schmid, Agnes Barmettler, James Danaqyumptewa
KameraAnka Schmid, Jürg Walther
TonAlbert Gasser, Ciro Cappellari, James Danaqyumpte
SchnittInge Schneider
MusikOriginal Hopi music and Hopi chants
Dauer89 / 102 / 110 Min.
DVDVoD bei Vimeo
Format16mm, DVD, Beta SP
Drehformat16mm
VerleihversionenOriginal Version: Hopi-Original with german subtitles
Versions with english or french subtitles
Version with Chinese subtitles
Festivals/AufführungenSundance Film Festival, 1992, competition
Nyon 1991
Leipzig
Bilbao
Paris, cinema du reel, 1992
Florenz, Festival dei Populi 1991
München, Dokumentarfilmfestival 1992
Los Angeles International Film Festival, 1992
San Francisco International Film Festival 1992
Chicago Film Festival
Solothurn
Bejing, May Festival 2011
Preise: Kulturpreis des Kantons Solothurn
Blue Ribbon Filmfestival Chicago
ISAN0000-0000-D74F-0000-R-0000-0000-U


Zum Film

Auf dem Hintergrund überlieferter Gesetze und alter Prophezeiungen erzählen Älteste aus dem Dorf Hotevilla (Arizona) vom gewaltlosen Widerstand, mit dem sie Anfang des 20. Jahrhunderts der von der US-Regierung anberaumten Landenteignung und Bevormundung ihres Volkes begegneten. Eindringlich schildern sie, wie die widerständischen Erwachsenen damals als «Rebellen» im Gefängnis landeten und deren Kinder zwecks Umerziehung in Internate gesteckt wurden. Land und Würde verloren die Hopis damals. Doch fast bedenklicher finden sie es heute, dass durch die ihnen aufoktroyierten Verwaltungs- und Regierungsreformen auch ihre Traditionen und herkömmlichen Lebensweise vom Verschwinden bedroht sind. Techqua Ikachi, Land – Mein Leben verzichtet ganz bewusst auf jeglichen erklärenden Kommentar. Er stellt den Aufnahmen des heute von Feldarbeit geprägten Alltags in einer kargen Wüstenlandschaft einige einzigartige Super-8-Aufnahmen von bereits nicht mehr vollzogenen Zeremonien gegenüber und vermittelt dabei einen einmaligen Einblick in das sehr genügsame und hoch spirituelle Leben dieses Urvolkes, sowie seine vom Verschwinden bedrohte Kultur voller Reichtum und Schönheit. Techqua Ikachi, Land – Mein Leben ist ein grosses filmisches Vermächtnis und ein Kulturdenkmal von bleibender politischer Brisanz.


Hans Oberholzer im Gespräch mit der Filmerin Anka Schmid

Der Hopi-Film «Techqua Ikachi,  Land - mein Leben»  wurde 1989 fertig gestellt. Wie entstand dieser Film, was war Ihre Motivation?

Der Film hat eine lange, spannende Entstehungsgeschichte, die in den 60-er Jahren beginnt. Ich stiess erst anfangs 80-er Jahre dazu und finde, dass dieser Dokumentarfilm immer noch Aktualität und Brisanz hat und als Stimme der Ureinwohner Amerikas ein wichtiges  und wertvolles Dokument geblieben ist.

Den Anfang machte der damalige Dorfvater Dan Katchongwa (die Hopi haben keine Häupt­lin­ge, sondern Dorfälteste und einen Dorfvater), der unserem Co-Autor James Danaqyump­te­wa den Auftrag erteilten, einen Film für die eigenen Kinder zu machen. Da einige Zeremonien zum letzten Mal durchgeführt wurden, wünschte er sich davon ein Dokument. Gleichzeitig hoffte er mit einem Film den Generationenkonflikt überbrücken zu können, denn er glaubte, dass die jungen Hopi einem Film eher zuhören würden als den Ältesten. So begann James mit Super-8 die Zeremonien zu filmen und Tonaufnahmen zu machen. Gleichzeitig filmte er die poltischen Ereignisse Ende der 60-er Jahre, als die Hopi grossen Widerstand leisteten gegen die sogenannten Errungenschaften der Weissen, z. B. gegen Wasser- und Stromleitungen.

Sind das die Filmausschnitte, die auch im Film enthalten sind?

Ja, man erkennt die Super-8-Aufnahmen an der Handkamera und der körnigen Bild­qualität. Es sind die Szenen mit den Aktionen im Dorf von 1968 und alle Zeremo­nien. Es ist sehr wichtig, dass James diese Aufnahmen mit der Autorisation des Dorfvaters filmte, denn Weissen und Aussenstehenden ist es verboten, die Zeremonien im Dorf aufzu­nehmen.

In den 70-er Jahren reiste James Danaqyumtewa mit den Anliegen der Ureinwohner nach Europa und kämpfte u.a. an der Uno in Genf und am Weltgerichtshof in Den Haag für die Unabhängigkeit der Hopi. Immer wieder zeigte er seine Super-8-Filme und lernte so die Schweizerin Agnes Barmettler (Co-Autorin des Films, bildende Künstlerin und Malerin), kennen, die bald darauf für ein Jahr in sein Hopidorf zog. Sie erfuhr von seinem Film-Auftrag. Und weil dazu das Amateurformat Super-8 nicht ausreichte, machte sie mich mit James und seinem Filmprojekt bekannt. Denn ich hatte das profesionnelle Know-How, weil ich an der Film­schule in Berlin studierte. James zeigte mir seine Super-8-Filme, die ich auf Anhieb sehr spannend und einzigartig fand. Er bat mich, sein Material für einen aktuellen Anlass nach seinen Anweisun­gen umzuschneiden. So fand er Vertrauen in mich und hoffte, zusammen mit mir und Agnes den Film realisieren zu können, den sich die Hopi Ältesten seit Jahrzehnten wünschen und darin die persönlichen Berichte und Leidensgeschichten der letzten noch lebenden Zeugen zu dokumentieren. Die Vorstellung, gemeinsam mit einem Hopi ein filmisches Kulturdokument zu erschaffen, das den Indianern als eigenes Sprachrohr dient, motivierte mich mit grosser Energie. Ich wollte diese schwierige, aber wichtige Aufga­be in Angriff nehmen und reiste 1985 zum ersten Mal in die USA zu den Hopi. Damals lebte Anges erneut für mehrere Monate dort. James erzählte uns nochmals detailliert den Inhalt des Filmes und zeigte uns wichtige Orte. So konnte ich das Drehbuch verfassen und mit der Geldsuche starten, und 1988, im vierten Jahr unserer Zusammenarbeit, konnten wir mit den Dreharbeiten beginnen.


Wie lange dauerten die Aufnahmen?

Zuerst rechneten wir mit einem halben Jahr, aber dann dauerten die Dreharbeiten ein ganzes Jahr. Es war ein Jahr voller Abenteuer, Herausforderungen und reicher Erfahrungen. Wir lebten im Hopireservat und arbeiteten in einer kleinen Wohung in Flagstaff, (Universi­täts­stadt in Arizona beim Hopireservat), die wir als Mini-Filmstudio eingerichtet hatten. Wir konnte aber nicht einfach kommen und filmen, wann wir wollten. Sondern zuerst mussten wir begreifen, um was es geht, und da die Hopi Bauern sind, ging es auch darum, den Jahres­zyklus im Zusammenspiel von Ackerbau und Zeremonien zu begreifen. Also arbeiteten wir einerseits mit den Händen und halfen zu pflanzen, zu jäten und zu ernten und andererseits arbeiteten wir mit Kamera und Tonband, um dieselben Tätigkeiten zu dokumentieren und mit den Hopi-Ältesten Interviews zu machen.

Der Film ist ein Film von Hopi über Hopi. Geht es darum, die Hopi-Kultur aus deren Sicht zu sehen?

Das Spannende ist, dass mit diesem Dokument von Hopi für Hopi gleichzeitig ein Film geschaffen wurden für alle, die mehr über diese Indianer wissen wollen. Der Film verzichtet jedoch auf Erklärungen und wissenschaftliche Kommentare. Dafür wird dem Publikum die Hopi­kultur nahe geführt, indem es den Augenzeugen zuhört und die Bilder betrachtet und auf diese Weise viel von den schmerzvollen Kämpfen, aber auch von der Schönheit dieser unter­gehen­den Kultur erfährt.

Es gibt im Film sehr wehmütige, selbstanklagende Lieder, die auch übersetzt sind. Dazu sehen wir weite Landschaften, Steine und Wüste. Das Leben ist hart in diesem unwirtlichen Buschland und was es hergibt, ist vor allem Mais. Ich erinnere mich an eine interessante Aussage: Mit wenig zufrieden sein, mit dem Wesentlichen zufrieden sein.

Der Hopi-Mais ist nicht nur ein gesundes Grundnahrungsmittel, sondern auch eine wichtige, spirituelle Pflanze. Auf Grund der Prophezeiung von Maassau,  ihrem grossen Gott, mussten sich die Hopi in dieser kargen Gegend  niederlassen, wo man fürs Überleben die Naturgesetze kennen und mit der Natur im Einklang leben muss. Dieses Bewusstsein zeigte sich bei meinem Aufenthalt auch im Alltag, z. B. im Umgang mit dem Wasser. So wurde nach dem Abwasch das kostbare Nass jeweils noch zum Giessen der Pflanzen benutzt. Die schwierigen Herausforderungen von Klima und Landschaft werden mit einer umso grösseren Freude bei einer erfolg­reichen Ernte von Mais, Bohnen und Melonen belohnt. Und aus dieser Freude und Dankbarkeit resultieren viele Feste und Zeremonien.

Im Film ist von einem ganz bestimmten Dorf die Rede?

Der Film erzählt die Geschichte des Dorfes Hotevilla, das 1908 gegründet wurde von denjenigen Hopi, die sich weigerten, ihre Kinder in die Schule der US-Regierung zu geben. Der Druck war damals so gross , dass die Männer, die sich der amerikanischen Regierung widersetzten, ins Gefängnis gesteckt wurden. Die Leute von Hoteville aber wollten ihre Kinder selber erziehen und auf ihre eigene Art unterrichten. Denn Schule bedeutete, dass ihnen die Kinder weggenommen und in ein weit entferntes Internat gebracht wurden, wo sie mit anderen Indianer-Stämmen zusammen einer Gehirnwäsche unterzogen und somit der Hopi-Art entfremdet wurden.

Gab es auch Hopi, die sich von den Weissen vereinanhmen liessen und somit Verrat verübten?

Der Verat der eigenen Leute ist u. a. Inhalt des Filmes. Es ist eine Anklage der tradi­tio­nellen Hopi gegenüber den progressiven Hopi im Stammesrat (Hopi Tribal Council). Die Ältesten erzählen nicht nur von den Übergriffen der spanischen Missionare und der Amerika­ner, sondern auch von den Angriffen der Hopi selber. Denn wegen den harten Repressio­nen haben einige Hopi unterschrieben und ihren Kampf für die Unabhängigkeit aufgegeben. Des­wegen gründeten jene Hopi, die weiterhin keine Konzessionen machen wollten, das Dorf Hotevilla. Doch der Druck hörte nicht auf und die Amerikanisierung hat schliesslich auch Hote­villa erreicht. Seit einem Jahr gibt es dort nun Wasser- und Stromleitungen. Die heutigen Bewohner wollen sich dem Konfort des modernen Lebens nicht mehr entziehen.

Seit der Fertigstellung des Films sind vierzehn Jahre vergangen. Viele der Ältesten und Weisen, die im Film von den alten Traditionen erzählen, müssen  in der Zwischenzeit gestorben sein?

 Da haben Sie leider recht. Die Ältesten waren bei den Dreharbeiten bereits 90 und mehr Jahre alte und sind heute alle tot. Umso wichtiger war es damals, diesen Film noch rechtzeitig zu realisieren. Vor vier Jahren ist auch unser Co-Autor James Danaqyump­tewa, geboren 1916, gestorben. Somit ist die letzte Generation ausgestorben, die nicht oder nur mässig amerikanisiert aufgewachsen ist. Und man kann einen grossen Wissens- und Kultur­verlust beobachten. Z. B. sprechen heute viele Hopi nur noch englisch und verstehen ihre eigene Sprache nicht mehr.

 Wie muss man sich Ihre gemeinsame Filmarbeit vorstellen und wie haben Sie das mit der Hopi-Sprache gemacht?

Bei unserem Dreier-Team war es so, dass jeder seiner Fähigkeiten entsprechend einen speziellen Aufgabenbereich hatte.  Ich brachte das technische und filmische Wissen, Agnes die fundierten Kenntnisse der Hopi-Kultur und des alltäglichen Lebens im Reservat und James, als Hopi, war unser kompetenter Begleiter und Gesprächsführer bei allen Interviews. Ausserdem hatten wir oft zwei Filmtechniker dabei. Später übersetzte James Danaqyumptewa die Interviews von Hopi ins Englische und wir übersetzten sie ins Deutsche. Für diese Arbeit und für die Auswahl der Filmsequenzen brauchten wir einen Schneidetisch. Weil es in Hotevilla aber keinen Strom gab, kam James immer wieder in unser Mini-Studio nach Flagstaff. Bevor wir nach Europa zurückkehrten, wurden die Texte und Aufnahmen von den Ältesten begutachtet. Sie gaben uns das Okay für diesen Film. Das war nicht nur für uns, sondern auch für James wichtig, denn diese Hopi waren seine spirituellen Paten.

Im Film sind auch viele dokumentarsische Fotos zu sehen. Wo haben Sie die Aufnahmen gefunden?

Die Fotos fand ich in verschiedenen amerikanischen Museen und Archiven. Teilweise war James mit mir unterwegs wie z. B. in Washington. Die Fotosequenzen im Film sind sehr genau ausgewählt. James erklärte mir anhand von Details wie Kutschen oder Kleider, in welchen exakten Zeitrahmen die Bilder gehörten. Wichtig war ihm auch, im Film die richtige Musik mit den entsprechenden Zeremonien zu kombinieren, z.B. kein Winterlied bei einer Frühlingsszene. Dies alles war ein spannender und lehrreicher Prozess.

Hatten Sie seit der Fertigstellung des Films wieder Kontakt mit den Hopi?

Über Jahre hinweg blieb ich in Briefkontakt mit den Hopi, doch mit dem Tod von James ist dies abgebrochen. Agnes Barmettler ist Patin von einer Enkelin. Das Mädchen ist in der Zwischenzeit zwar zwanzig Jahre alt, aber Agnes ist immer noch mit ihr und ihrer Mutter in Kontakt.

Weg von den Hopi hin zu Ihnen. Was haben Sie später gemacht?

Ich schloss 1990 in Berlin die Filmschule ab und lebte dort bis 1998. 1995 realisierte ich einen ganz anderen Dokumentarfilm mit dem Titel «Magic Matterhorn», in dem ich mich als Auslandschweizerin intensiv mit meiner Heimat auseinandersetze. Dieser Film hat einen sehr persönlich Standpunkt und ist formal viel verspielter als der Hopifilm.

Mein Abschlussfilm, der Spielfilm «Hinter verschlossenen Türen», erzählt die Geschichte eines Berliner Mietshauses und seiner Bewohner. Ausserdem habe ich immer wieder Kurzfilme gemacht, die sich zum Teil Richtung Kunst bewegen. 1997 habe ich erneut mit Agnes Barmettler zusammengearbeitet und das Kunstvideo «Labyrinth-Projektionen» geschaffen. Zuletzt machte ich einen Musikfilm für das Schweizer Fernsehen. Er heisst "ABC Sound Alphabet" und zeigt verschiedene Aspekte von Soundpoetry und Sprachmusik.

Was ist Ihr nächstes Projekt?

Im Augenblick befasse ich mich mit einem neuen Musikfilm und weiss nächsten Monat, ob das Projekt zustande kommt. Zudem habe ich ein Drehbuch für einen Spielfilm geschrieben, aber die Finanzierung ist ein langer Prozess, der sehr viel Geduld erfordert.

In Ihren Filmen geht es also auch darum neue Wege zu gehen und  experimentell mit dem Medium umzugehen?

Ich gehe vom Thema aus, um zu entscheiden, wie die formale Umsetzung aussehen soll und ob ich mit Film oder Video drehen möchte. Im Film «Techqua Ikachi» ging es darum, das Sprachrohr der Hopi zu sein. Sie wollten diesen Film für ihre Kinder, aber sie sagten immer wieder: auch du bist Hopi. Jeder, der sich für den einfachen Weg entscheidet, ist Hopi. Das ist keine Sache des Blutes. Hopi sein bedeutet bescheiden zu sein und einfach zu leben. Darum sagen die Hopi auch nicht: wir sind die Besten, aber sie glauben, dass sie als Ureinwohner wichtig für das spirituelle Leben auf dieser Welt sind. Diese Philisophie ist im Schildsymbol mit den vier Kreisen im geviertelten Kreis dargestellt und lautet «Zusammen mit allen Völkern halten wir die Welt im Gleichgewicht».

Ein schöner Abschluss. Dazu fällt mir ein Ausspruch der Lakota-Indianer ein: «Mitakuye oyasin» – wir sind alles Verwandte. Ich wünsche ihnen weiterhin viel Freude und Erfolg beim Filmen und bedanke mich herzlich für dieses Gespräch.