ANKA SCHMID

Magic Matterhorn

Dokumentarfilm  1995, 35mm, 85 Min.

Image: Le Cervin Magique Image: Le Cervin Magique 

In Magic Matternhorn tastet Anka Schmid ausgehend von einem der weltweit bekannten Wahrzeichen der Schweiz – dem Matterhorn – nach heimatlichen Gefühlen. Sie stellt dabei die Selbstverständlichkeit, mit welcher die an dessen Fusse lebenden Einwohner von Zermatt ihrem trutzigen Hausberg begegnen, dem Verzücken der oft von weither gereisten Touristen gegenüber.

Sie konfrontiert die Pragmatik eines durch den Berg bestimmten, landwirtschaftlichen Alltags mit den oft bizarr anmutenden Auswüchsen der Schweizer Souvenir- und Tourismus-Industrie. Daran gekoppelt erzählt Schmid die wehmütige Geschichte eines Exil-Schweizers, der am Fusse des künstlichen Matterhorns im Disneyland in Amerika seine Jodelstücke vorträgt und – obwohl in die Wirklichkeit längst eines anderen lehrte – im tiefsten Herzen überzeugt ist, dass die Schweizer Berge seine eigentliche Heimat sind.

Musikalisch untermalt und ergänzt wird Magic Matterhorn mit Stücken und Auszügen aus der bunten Show der verschmitzt mit dem Klischee Schweiz spielenden Trio «Geschwister Pfister».

Kurz:

Verspielt begibt sich der Film auf die Suche nach zeitgenössischen Vorstellung von Heimat und zeigt reale und irreale Welten. Gefilmt wurde im Schweizer Touristendorf Zermatt am Fusse des Matterhorns und im kalifornischen Disneyland bei der Matterhorn-Kopie. Anka Schmid konfrontiert konkrete Lebensbedingungen mit Klischees und wagt den Spagat zwischen philosophischen Gedanken und Souvenir-Kitsch. Das Matterhorn dient ihr dabei als Leitmotiv.


RegieAnka Schmid
MitwirkendeUrsli, Toni und Lilo Pfister; Fred Burri
KameraCiro Cappellari
TonIngrid Städeli, Albert Gasser
SchnittInge Schneider
MusikBen Jeger
Dauer85 Min.
Format35mm
Drehformat35mm
VerleihversionenOriginal Version: Swiss-German; German and English with german and french subtitles
Festivals/AufführungenNyon, 26e Festival Int. du Cinéma Documentaire, 1995
Les Diablerets, 27e Festival International du Film Alpin, 1996, Prix Spécial
Figueira da Foz, 25e Festival international de cinéma, 1996
Trento, 44. Filmfest. Int. Montagna Esplorazione, .1996
Minneapolis/St. Paul, 14th Rivertown Int. Film Festival, 1996
Créteil, 18e Festival Int. du Film de Femmes, 1996
Solothurn, 31. Solothurner Filmtage, 1996
Hongkong, 1998
Bejing, May Festival 2011
KoproduktionInsert Film (CH)
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Pressestimmen

«Vielleicht ist Heimat ein Berg aus Klischees›, sagt die Erzählstimme in Anka Schmid dokumentarischem Filmessay. Hier sucht die Schweizer Regisseurin anhand des majestätischsten Anblicks der Schweiz nach einem Ort, der alle beschäftigt: Heimat. In ihrem lakonisch-feinfühligen Porträt über jenen Berg, der ehrfurchtgebietend über Zermatt thront und in der ganzen Welt als Markenzeichen für die Schweiz wirbt, schlägt Anka Schmid mit dokumentarischen und trickfilmtechnischen Mitteln einen weiten Bogen vom Wallis nach Los Angeles. Dort steht im Disneyland mit dem ‹Magic Matterhorn› ein Duplikat des gefürchigen Felsens inmitten einer von Autobahnen durchfurchten Grossstadt. Diesseits wie jenseits des Ozeans evoziert der Berg hehre Mythen und Gefühle von ungebrochener Idylle.»

Peter Hossli, Facts, 14.09.1995

«Erst im Ausland hat mancher sein Inländertum entdeckt, das Sennenkäppchen im urbanen Herzen oder das Matterhorn in der Seele. […] Magic Matterhorn, das konzentriert den Kitsch und das Geschäft in der Ikone, das schwebt zwischen Showbiz’ und Sagenwelt und hat mit der Ästhetik der Idylle ebenso zu tun wie mit der tatsächlich existierenden Gemeinde Zermatt. Ein in seinem lockeren Zugang zum Thema geschickter Film, ein amüsanter dazu, man will ihm nicht einmal die manchmal sich äussernde inszenatorische Betulichkeit vorwerfen: Sie kommt vom Respekt vor denen, die Anka Schmid auf ihren Ausflügen in heimatliche Ideale begleitet hat, und sie ist, mag sein, erst die Basis einer legitimen Ironie.»

Christoph Schneider, Neue Zürcher Zeitung, 15.03.199


Heimat zwischen Klischee und Realität

Anka Schmid im Gespräch mit Verena Zimmermann und Hanspeter Rederlechner

Anka, wie bist du zum Thema "Heimat Schweiz" gekommen?
Wegen meines Berufes musste ich oft weggehen. Im Ausland bin ich mit mit meinem Schweizerin-Sein konfrontiert worden. Vor allem bei der Begegnung mit gängigen Vorurteilen habe ich gemerkt: Hier bin ich fremd. Ich habe aber auch gemerkt, dass ich mein Schweizerin-Sein nicht verleugnen will, und habe gemerkt, wonach ich mich sehen.

Damit hast du dich einem neuen Thema zugewandt.
Nein, "Magic Matterhorn" ist eigentlich mein zweiter Schweizer Film. Der erste, "Praktisch & Friedlich", ist ein Zwei-Minuten-Beitrag zu den "Bulles d'utopie" (1991). Er ist der erste Film einer geplanten Schweizer Trilogie und dreht sich um das Schweizer Taschenmesser. Das Messer, das "Swiss Army Knife", ist einer der typischen Gegenstände, denen man überall auf der Welt begegnet. Einem anderen weltweiten Schweizer Wahrzeichen, dem Matterhorn, ist der neue Film gewidmet. Der dritte wird sich mit der Figur des Heidis auseinandersetzen. Irgendwann einmal.

Du stellst in deinem Film Zermatter Bauern vor. Weshalb interessieren sie dich?
Ich zeige Bauern, aber sie sind nicht das Thema des Films. Das Thema ist das Verhältnis der Menschen zu ihrer Umgebung, das heisst, zu ihrer Heimat. Die Zermatter Teilzeit-Bauern leben und arbeiten in einer technisierten Welt, dennoch sind sie mit ihrer Nebentätigkeit fest in ihrer Umgebung verwurzelt. Mich interessiert der Gegensatz zwischen diesem Eingebunden-Sein und dem Bruch, der heute überall durchgeht, auch in Zermatt.

Von den Zermatter Bauern aus machst du den Sprung zu Leuten, die anderswo leben und die das, was sie Heimat nennen, von aussen und als Idylle sehen. Ihre Heimat macht den Eindruck von etwas Künstlichem.
Du denkst jetzt an Fred? Er schaut die Schweiz von aussen an und definiert sie als Heimat. Was Fred sagt, ist für mich etwas anderes, als was er ist. Das ist ja das Spannende. Er sagt, er kann nicht in der Schweiz leben, aber die Schweiz bezeichnet er dennoch als Heimat, nach der er sich seht. Man spürt, Fred ist in Amerika daheim. Aber er greift mit dem Wort Heimat auf eine Idylle zurück. Er kann seine Sehnsucht sehr klar definieren: Das ist Heimat.

Wie kamen die "Geschwister Pfister" in deinen Film?
Die "Geschwister Pfister" sind, wie ich, Schweizer im Ausland, die sich, wenn auch ganz anders als ich, mit dem Bild der Schweiz befassen. Sie hängen ihre fiktive Pfister-Geschichte am Matterhorn auf und präsentieren eine sehr unterhaltsame Show. Was sie machen, ist dem verwandt, was ich mit dem Film machen will.

Mich interessiert bei den "Geschwistern Pfister" der Punkt, wo sich Klischee und Realität berühren. Die Pfisters spielen, mit all ihren Plattitüden, auf das Heimweh an. Das ist für mich Anknüpfungspunkt, weil ich weiss: Auch Klischees haben etwas Echtes, und das sind die Gefühle, die dahinter stecken.

Die "Geschwister Pfister"-Teile setzen sich deutlich gegen den Rest des Films ab.
Ich habe die Bühnen-Show der "Geschwister Pfister" für die Kamera inszeniert. Mit der poppigen farbigen Videotechnik und dem Bluebox-Verfahren wollte ich ihre Erscheinung verdichten. Ich habe eine Fernsehstudio-Situation geschaffen, in der sie sich direkt an die Kamera wenden, anders als die übrigen Personen des Films, die mit mir sprechen. Ich gebe den Pfisters als Hintergrund das schöne Bild der Schweiz: Alpenblumen, Kühe, allerdings in verfremdeten Aufnahmen, Zermatter Geranien-Fenster, Souvenirs. Ich wollte die Pfisters stark von den Dokumentarszenen absetzen und ich wollte offen lassen, was an ihrer Show, die absolute Fiktion ist, vielleicht doch wahr sein könnte.

Im Film zeigst du, wie das Matterhorn zum Versatzstück wird, zu einem Gegenstand, der vermarktet wird. So sehr, dass man sich am Schluss fast fragt, existiert das Matterhorn wirklich.
Das Ganze ist eine Gradwanderung. Ich versuche, beide Seiten zu zeigen - das vermarktete, das kopierte Matterhorn und den tatsächlichen Berg und seine Schönheit. Wenn du vor ihm stehst, ist er unendlich gross, unendlich schön. Er hat einfach mehr Power als alle Bilder. Dies filmisch wiederzugeben, war eine Herausforderung. Das Bild des Matterhorns kennt man. Nun nochmals ein Bild zu machen und dieser Erfahrung gerecht zu werden, das ist schwierig.

Es geht um zwei gegensätzliche Realitäten, um den Berg und die Kunstwelt. Mir scheint, die lockere Struktur des Films macht dafür ganz besonders hellhörig.
Dass der Film am Schluss so locker kommt, war die grosse Arbeit bei der Montage. Die Lockerheit erlaubt der Zuschauerin, dem Zuschauer, mit eigenen Gedanken zu reagieren.

Ich habe gewagt, unterschiedliche Mittel zu kombinieren, den beobachtenden Dokumentarfilm neben die Fiktion und neben die spielerische Animation zu setzen.

Wie hast du recherchiert, was ging den Dreharbeiten voraus?
Den Film habe ich in wenigen Monaten gedreht, die Vorarbeiten aber haben sich über drei Jahre hingezogen. In Zermatt habe ich mich an jene Bauern gewandt, die Kühe haben und bin auf grosse Offenheit gestossen. Dabei hat mir meine Walliser Herkunft geholfen.

Ich bin während der ersten zwei Jahre immer allein in Zermatt gewesen. Beim ersten Mal habe ich wirklich, so wie im Film aufgenommen, Germann mit den Kühen hinunter kommen sehen, bin auf ihn zugegangen und habe gefragt, ob ich einmal vorbeikommen und mit ihm reden könne.

In Zermatt, auch in Kalifornien arbeitet du mit Beobachtungen und mit spontanen Reaktionen. Der Kommentar dagegen ist reflektierend erarbeitet und fügt sich nicht in die Bilder, sondern legt sich über den Film; die Kunst- und Hochsprache hebt sich von den Dokumentarszenen ab. Weshalb dieser Überbau?
Ich vertraue Bild und Ton. Dennoch, und obwohl ich mich in diesem Film mit den unterschiedlichsten Bildformen ausdrücke, hatte ich das Gefühl, ich müsse mich auch mit Worten einbringen. Hinter "Magic Matterhorn" steht meine Auseinandersetzung mit Heimat und mit der Frage, was Heimat sein könnte. Das wollte ich sehr deutlich einbringen. Ich habe Sprache sehr gern, aber Schreiben ist nicht mein Metier. Deshalb habe ich mich für die Zusammenarbeit mit der Schriftstellerin Nicole Müller entschieden. Nicole hat aufgrund eines intensiven Gedankenaustausches den Kommentartext verfasst. Es ist ihr Text, allerdings im Hinblick auf den Film geschrieben.