ANKA SCHMID

Hierig - Heutig

[Originaltitel:  Hierig - Heutig (Installation)]

Installation  2008, Roter Kubus mit Video-Installation (4-fache Raumprojektion); Filmloop 24 Min - HD / DVD - Farbe, 24 Min.

Image: Hierig - Heutig Image: Hierig - Heutig 

Die Video-Installation HIERIG - HEUTIG basiert auf dem gleichnamigen Appenzeller Volkstanz und zeigt den traditionellen Liebestanz in einer zeitgenössischen Interpretation.

Von aussen präsentiert sich die Installation als roter Kubus mit einer Grundfläche von 5 x 5 Metern. Dieser klingende «Raum-im-Raum» birgt ein Geheimnis. Die Musik aus dem Innern erweckt Neugier und lockt die Zuschauer hinein. Drinnen läuft auf allen vier Wänden ein raumfüllendes Video eines tanzenden Paares in Appenzeller Tracht. Es sind vier Variationen der Hierig-Darbietung, getanzt von KATHRIN DOBLER & ANDREAS FUSTER, experimentell montiert vom KOLLEKTIV MARINKA und neu vertont vom Musiker BORIS BLANK. Das junge Paar zeigt auf tänzerische Art wechselreiche «Szenen einer Ehe». Da die Zuschauer den Tanz im Stehen betrachten, werden sie selber Teil der Choreografie: Je nach Raumposition können sie als Schattenfigur mit den Tanzenden auf der Leinwand interagieren. Der Kubus lädt zum Verweilen ein und schafft Raum für eine bewegte Kontemplation.

Die Kombination von Avantgarde-Pop mit Tracht und dessen Präsentation im Kontext moderner Kunst hebt den Volkstanz in die Gefilde «gehobener Kunst». Ein subversiver Akt, der Fragen zu gängigen Kunstdefinitionen auslöst.


RealisationAnka Schmid
Dauer24 Min.
FormatRoter Kubus mit Video-Installation (4-fache Raumprojektion); Filmloop 24 Min - HD / DVD - Farbe
Ausstellungen/AufführungenUraufführung: Lokremise, September 2008
weitere Ausstellungen: Walcheturm Zürich 2008 / Altdorf 2009


Anmerkungen

Ein Kubus, begehbar. 5 x 5 x 4 Meter. Aussen rot. Aus dem Innern dringen Elektroriffs. 2/4 Takt. Fiebrig. Mitreissend. Ein Sog zieht hinein. Der Türknauf verschafft Zutritt in den Kubus. Die vier Wände drinnen dienen als Projektionsfläche. In der Mitte stehend sieht man sich umtanzt von einer jungen Frau, einem jungen Mann. Bald rot, bald dunkel ist der Hintergrund, vor dem sie sich bewegen, bisweilen auch Graffiti versprayt. Ihn kleidet – schwarze Hose, weisses Hemd, rotes Gilet, schwarzes Lederkäppi – das Sonntags-Outfit eines Appenzellers. An seinem rechten Ohrläppchen blitzt ein silbriger Löffel. Sie trägt dazu passend Traditionelles: die Festtagstracht der Appenzellerin: Weiten blauen Rock, blaugraue Schürze, weisse Bluse, Strümpfe, schwarze Schuhe. Verziert, bedruckt, reich bestickt. Auf ihrem hochgesteckten Haar thront stolz eine filigrane, schwarze Haube.

Ein schönes Paar. Ein starkes, sich ebenbürtiges Paar auch. Sie tanzen. Miteinander, umeinander herum, einander nach. Bewegen sich zu riffartig-geschmeidiger, dunkel-vibrierender, elektrisierend-elektropopiger Musik. Sie hat etwas Sogartiges, Tragendes, man möchte sagen: Zwingendes an sich, diese von Boris Blank komponierte Musik. Und so tanzt das Paar. Im Kreis und nochmals im Kreis. Die Choreographie ihres Tanzes zeigt die Schrittfolgen, Gesten und Figuren eines traditionellen Appenzeller Tanzes, des «Hierig». Es ist ein getanztes Lied ohne Worte. Seine Strophen schildern in Stationen den Verlauf einer Liebesbeziehung: Von der ersten Annährung, über das Sich-Necken, Zanken, Streiten, Versöhnen bis zur erneuten Annäherung. Es gibt nur wenige, die den stark pantomimisch geprägten Tanz beherrschen. Seine Choreographie ist ein gut gehütetes Geheimnis, das innerhalb einer Familie an die jeweils begabtesten Tänzerinnen und Tänzer der nächsten Generation weitergegeben wird. Er wird an Volksfesten und Stubeten aufgeführt und zwar nur von einem einzigen Paar.

Im Volkstümlich-Traditionellen wurzelt Anka Schmids Video-Installation «Hierig – Heutig». Wurzelt aber auch im tief Kreativen der Künstlerin und verweist auf ihr bisheriges Schaffen. Auf ihre experimentell-verspielten kurzen Arbeiten («Habibi, ein Liebesbrief» (1986), «Die Reise zur Südsee» (1986), «Little Sister» (1998), «Das Engadiner Wunder» (2000)), in denen sich Schmid seit Jahren mit der Begegnung von Frau und Mann in der Liebe beschäftigt. Auf ihre so feinfühlige wie engagierte Auseinandersetzung mit – nicht nur schweizerischen – Traditionen und Ritualen in ihren längeren, dokumentarischen Filmen («Techqua Ikachi. Land – mein Leben» (1989), «Magic Matterhorn» (1995)). Auf Schmids vor allem auch in ihren Installationen zu beobachtende Vorliebe für ein umfassend-kreatives Schaffen, welches Bild und Ton, Film und Musik, Körper und Phantasie die gleiche (Ge-)Wichtigkeit zuschreibt. Mit Anmut und Sorgfalt hat Schmid den alten Appenzeller Tanz aus seinen Fugen gehoben. Liess dem Liebespaar zwar ihre traditionelle Kleidung und behielt bis auf einige winzige Änderungen auch die originale Choreographie bei. Doch sie hat ihnen die herkömmliche Musik geraubt und eine neue, modernere geschenkt. Und sie hat die Tanzvorführung aus dem üblichen Rahmen gelöst. So bewegen sich die Tanzenden nun im künstlichen Raum. Im Spiel mit Licht und Bewegung erscheinen sie bald real, bald als schemenhafte Schatten. Werden zu symbolischen Figuren: dem Mann, der Frau an sich. Der Tanz wird in Schmids Video-Installation zum endlosen Rondo geloopt und zeigt in der modernen künstlerischen Transformation ein auf ewig die menschliche Liebesbeziehung spiegelnder Reigen.

Irene Genhart (Saaltext zur Installation im Walcheturm, Zürich)